NIEDERLÄNDISCHE LITERATUR

«Sie können hinreissend erzählen»

Die Niederlande und Flandern sind Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Ihre umfangreiche und qualitätvolle Literatur ist auch im deutschen Sprachraum sehr beliebt: «Weil sie so frisch und lebendig ist, zugänglich und trotzdem nicht oberflächlich», meint die bekannte Uebersetzerin Helga van Beuningen.

«In Holland bin ich weltberühmt», spottete vor dreissig Jahren der grosse niederländische Schriftsteller Harry Mulisch (1927-2010). Die Literatur seiner Heimat war international kaum bekannt, obwohl sie seit dem 16. Jahrhundert gegen 200 Namen verzeichnet, plus ebenso viele aus dem belgischen Flandern. Das änderte sich 1991 schlagartig mit dem überraschenden Grosserfolg von Cees Notebooms schmalem Buch «Die folgende Geschichte» in der deutschen Uebersetzung von Helga van Beuningen. Damit initiierte die heute Siebzigjährige den Siegeszug der niederländischen Literatur. Bis heute ist sie die deutsche Stimme wichtiger Autoren wie Cees Noteboom, Margriet de Moor, A.F.Th. van der Heijden.

Die Menschen in den Niederlanden und in Flandern sind sehr lesefreudig (wie in allen nordischen Ländern mit ihren langen, dunklen Wintern): Gegen 400 Bücher sind allein im letzten Jahr herausgekommen in den über tausend registrierten Verlagen, von denen zwei (Reed Elsevier und Wolters Kluwer) zu den weltweit grössten gehören. Und nach dem (wie vielerorts) beklagten Rückgang des letzten Jahrzehnts verzeichnete der Buchhandel 2015 wieder eine Zunahme, grosse neue Buchläden sind im Entstehen.

Auf Deutsch übersetzt
Mit einem potentiellen Publikum von 20 Millionen ist der Markt aber beschränkt. Es entscheidet der Absatz der deutschen Uebersetzungen: 230 sind allein 2015 erschienen und dieses Jahr haben 132 deutsche Literaturverlage eine solche im Programm, darunter Neuauflagen älterer Titel. Alle wollen dabei sein bei den 450 in Frankfurt vorgestellten Büchern des Ehrengastes.

Deren Erfolg beruht aber vor allem auf ihrer literarischen Qualität. Helga van Beuningen erklärt: «Viele niederländische Autoren und Autorinnen können hinreissend erzählen. Sie sind nicht so kopflastig wie manche Deutsche, ihre Geschichten wirken frisch und die Personen lebendig. Damit werden auch Romane mit schwierigen Themen leicht zugänglich, ohne oberflächlich zu sein.»

Verwandtes Flämisch
«Dies ist, was wir teilen» haben die Niederlande und Flandern als Motto für ihren Frankfurter Auftritt gewählt. Die Standardversion des von 60 Prozent der belgischen Bevölkerung gesprochenen Flämisch unterscheidet sich nur in der dialektgeprägten Wortwahl vom Niederländischen, etwa wie das in Oesterreich oder Deutschland gesprochene Deutsch. Flämische Bücher erscheinen auch in niederländischen Verlagen und ihre Leserschaft ist beidseits der Grenzen zu Hause.

Gibt es denn thematische Unterschiede? 1993, als die Sprachregion schon einmal Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, liess sich das noch beantworten: In der niederländischen Belletristik dominierte das Trauma des Zweiten Weltkriegs oder der verlorenen indonesischen Kolonie. Und als lokale Besonderheit gibt es bis heute Erinnerungen an Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Grachten und an einbrechendes Eis. Die flämischen Romane thematisierten ebenfalls die Schande der Kollaboration mit den Deutschen, aber im Ersten Weltkrieg. Und noch immer erzählen sie gerne Sippengeschichten in katholisch geprägter dörflicher Umgebung.

Aktuell und global
Und heute? Bedeutende Autoren wie Harry Mulisch oder Hugo Claus sind tot. Cees Notebom (83) und Maarten t’Hart (72) sinnieren in ihren Gärten über den Lauf der Welt («533 Tage» resp. «Die grüne Hölle»). Margriet de Moor (74), die Grosse Alte Dame der niederländischen Literatur, hat in «Schlaflose Nacht» eine ihrer besten früheren Novelle überarbeitet. «Streichquartett» von Anna Enquist (71) und «Das Biest» von A.F. Th. Van der Heijden (59) bleiben psychologisch überzeugend in ihrer autobiografisch geprägten Familienthematik.

Jüngere wenden sich aktuellen und globalen Fragen zu, wie etwa der Migrationproblematik: Lot Vekemans’ (51) «Ein Brautkleid aus Warschau» evoziert die Zerrissenheit einer Polin in Holland und Tommy Wieringas (49) «Dies sind die Namen» ebenso berührend den Albtraum umherirrender Flüchtlinge.  Schonunglos beschreiben «Wir da draussen» von Fikry El Azzouzi (38) die Radikalisierung chancenloser Jugendlicher in einer holländischen Kleinstadt und «Samir, genannt Sam» von Mano Bouzamour (24) die Verlorenheit eines begabten nordafrikanischen Schülers in einem Amsterdamer Gymnasium.

Nach seiner eigenen Nationalität befragt, sagt der Secondo: «Ich gehöre nicht zu den Niederlanden und nicht nach Marokko, ich gehöre der Welt.» Das gilt auch für die Literatur, die der diesjährige Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse präsentieren wird.

Marie-Louise Zimmermann
(erschienen in der Berner Zeitung vom 20.10.2016
und im Aargauer Tagblatt)